Loslassen – so ein Begriff, den man zigmal im Leben hört und selbst verwendet. Fast schon inflationär. Jeder kennt ihn, alle wissen ungefähr, was damit gemeint ist – kaum einer weiß wirklich, wie es geht. Und noch weniger tun es tatsächlich.
Weil Loslassen so wichtig ist, ist es auch immer wieder ein Herzstück in meinen Seminaren in der Erwachsenenbildung. Dort spreche ich darüber, was damit gemeint ist und wie man es ins eigene Leben integrieren kann.
Und dann gibt es Zeiten – wie gerade jetzt in meinem Leben –, in denen ich ernüchtert feststellen muss: Über etwas Bescheid zu wissen, ist etwas völlig anderes, als es wirklich zu tun.
Ich bin eine Festhalterin. Das hat biografische Gründe. Ich halte vieles fest – das Lenkrad beim Autofahren, den Kochlöffel beim Kochen, meine Muskeln stehen ständig unter Spannung. Man muss ja jederzeit flüchten können. Ich halte an altem Schmerz genauso fest wie an Ereignissen, Orten oder Menschen.
Vielleicht ist das Festhalten ein wenig wie mit unseren Glaubenssätzen: Irgendwann war es einmal nützlich, vielleicht sogar überlebenswichtig. Es hat geschützt oder Orientierung geschaffen. Doch irgendwann dient es nicht mehr. Dann hält uns das Festhalten zurück. Es steht uns im Weg, wenn wir uns weiterentwickeln wollen.
Und dennoch: Auch dieses Wissen allein reicht nicht aus, um Dinge, Menschen oder Erinnerungen loszulassen.
Denn was passiert dann, wenn wir losgelassen haben?
Was kommt stattdessen, wenn dieser Platz frei wird?
Wer bin ich ohne das Alte?
Die Angst vor dem Neuen, vor dem Unbekannten, ist verständlicherweise oft groß.
In meinen Seminaren erkläre ich immer: Loslassen beginnt im Kopf. Es ist zuerst eine bewusste Entscheidung. Ein inneres Ja dazu, etwas nicht länger festzuhalten.
Ich möchte das loslassen.
Ich bin bereit, es ziehen zu lassen.
Erst dann kann der eigentliche Prozess beginnen.
Das klingt gut. Und einfacher, als es oft ist.
Denn echtes Loslassen hat auch mit Trauer zu tun. Mit Abschiednehmen. Mit Annehmen, was war. Mit Anerkennen, was ist. Mit dem Aushalten von Gefühlen, die vielleicht lange weggeschoben wurden.
Auch das ist eine Form des Haltens – aber nicht mehr im Sinn von Festklammern, sondern im Sinn von Tragen.
Kann ich diese Gefühle aushalten?
Kann ich sie ertragen?
Will ich das überhaupt?
So zeigt sich in der Praxis: Loslassen kann ein emotional anstrengender Prozess sein – mit offenem und ungewissem Ausgang.
Und dann bin ich über einen Begriff gestolpert, der mich in diesem Zusammenhang sofort berührt hat:
Hinter sich lassen.
Wenn ich etwas hinter mir lasse, muss ich es nicht verdammen. Nicht vergessen. Nicht wegdrücken. Nicht so tun, als hätte es nie existiert.
Ich darf es als Teil meines Weges anerkennen.
Ich kann es auf meiner Lebenslinie hinter mir lassen.
Ich kann zurückschauen, wenn ich möchte. Ich darf die Gefühle von damals noch einmal wahrnehmen. Und ich darf mich gleichzeitig fragen:
Welche Relevanz hat dieser Mensch, dieses Ereignis, diese Situation heute noch für mein Leben?
Was davon möchte ich gerne behalten?
Etwas hinter mir zu lassen beruhigt mein Herz.
Denn das, was ich hinter mir lasse, war ein Teil meines Lebens, den ich gemeistert, überstanden oder zumindest durchlebt habe. Vielleicht auch ein Teil, mit dem ich mich noch einmal beschäftigen darf – zum Beispiel systemisch oder mit liebevollem Blick auf mich selbst.
„Hinter mir lassen“ klingt für mich weicher als „loslassen“.
Es bedeutet nicht Trennung, sondern Integration. Nicht Exklusion, sondern Inklusion.
Es darf da gewesen sein.
Es hat zu mir gehört.
Vielleicht geht es also gar nicht immer darum, mit aller Kraft loslassen zu wollen. Vielleicht genügt es manchmal, etwas an seinen Platz zu stellen.
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